Mobile Payment in Zeiten von Corona:
Von kontaktlos über mobil bis hin zu hygienisch einwandfrei

von André Trimpop


Mobiles und kontaktloses Bezahlen – seit dreieinhalb Jahren beschäftige ich mich intensiv mit den Innovationen rund um Mobile Payment. Seit mindestens 11 Jahren warte ich auf einen Durchbruch der Technologie und bin davon überzeugt, dass Mobile Payment sich nur dann weiter durchsetzen wird, wenn es einen echten Mehrwert bietet. Warum sollte der Handel in Mobile Payment investieren? Warum die Kundschaft? Die folgende Einschätzung gibt einen Überblick, zeigt die existierenden Features auf und gibt auch einen persönlichen Ausblick.

Fangen wir am Anfang an. Ich erinnere mich noch gut daran, als Ingenico Marketing Solutions im Jahr 2009 bereits gemeinsam mit einem Partnerunternehmen eine Maestro Karte herausbrachte, die mit PayPass auch in der Lage war zum kontaktlosen Bezahlen eingesetzt zu werden. Noch nicht mit dem Smartphone, aber immerhin kontaktlos. Damals gab es noch das Henne-Ei-Problem: Kaum Kartenherausgeber, kaum Händler, die kontaktloses Bezahlen akzeptierten. Für den ersten Friendly User-Test mussten erst einmal Läden gefunden werden, die zu diesem frühen Zeitpunkt in der Lage waren, kontaktlose Karten zu akzeptieren. So fuhren wir ständig vom Büro aus zu einer vier Kilometer entfernt liegenden Tankstelle und kauften immer wieder Kaubonbons, um unter anderem zu testen, ob denn nach der fünften Transaktion auch ordnungsgemäß die PIN-Eingabe gefordert wurde. Das war vor 11 Jahren. Was waren die Kernfeatures damals?

• Die Karte brauchte nicht aus der Hand gegeben werden
• Keine PIN-Eingabe für Beträge, die kleiner als 25 € waren

Ein Quantensprung wurde durch die großen Lebensmitteleinzelhändler und Drogerien ausgelöst. Diese haben im Jahr 2017 gefühlt zumindest auf einen Schlag ihre Scheu vor der Akzeptanz von Kreditkarten abgelegt und damit zumindest kontaktlosem Bezahlen Tür und Tor geöffnet. Dann zogen viele der Banken nach und statteten ihre Girocards auch mit Chips und Antennen aus, die es ermöglichen per Tap zu bezahlen. Einziges Manko hierbei nach wie vor: so richtig kontaktlos funktioniert es dann doch nur bei Kleinstbeträgen unter 25 oder 50 €. Danach ist es doch wieder erforderlich, sich am Terminal für die PIN-Eingabe die Hände schmutzig zu machen. Immerhin wurde zu diesem Zeitpunkt das Henne-Ei-Problem gelöst und es gibt viele Kartenherausgeber und viele Akzeptanzstellen. Doch weitere Mehrwerte und Kernfeatures seit 2011? Fehlanzeige – außer vielleicht einer Sache: Die „Kartenzahlung nur über 10 €“-Schilder sind verschwunden und es ist üblich geworden auch Kleinstbeträge elektronisch zu bezahlen.

• Kleinstbeträge mit der Karte zu zahlen wurde salonfähig

Immerhin sehe ich mittlerweile auch viele ältere Bürger, denen stets unterstellt wird zu denken, dass nur Bares Wahres sei, die ihre Girocard beim Bezahlen ans Terminal halten.
Hoffnung für neue Features, die Mehrwert bringen, kam in den Jahren 2014 und 2015 auf, in denen Apple Pay und Google Pay starteten. Lange musste man darauf warten, dass Apple Pay in Deutschland zumindest von einigen Banken unterstützt wurde. Bei Google Pay war es immerhin so, dass bankenunabhängig einfach das PayPal Konto verknüpft werden konnte. Und hier kamen erstmals neue Features hinzu:

• Keine physische Karte mehr erforderlich, also kann die Geldbörse getrost zu Hause bleiben
• Keine PIN-Eingabe – echte Zahlung ohne physischen Kontakt

Nicht zu vergessen sind die individuellen Lösungen von einigen Händlern, mit denen es möglich ist, per Lastschrift zu bezahlen – EDEKA macht das so. Oder auch das Multi-Partner-Programm Payback mit Payback Pay. Payback hat es intelligent gelöst, mit nur einem Scan sowohl die Bezahlung als auch die Bonifizierung durchzuführen.

Jetzt befinden wir uns in der Corona-Zeit – und es lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass fast jeder Lebensmitteleinzelhändler, ob groß oder klein, kontaktlose Bezahlung akzeptiert und es mehr und mehr fördert.

• Hygiene

Hygiene ist tatsächlich ein Feature, das in dieser Form noch nicht auf meinem virtuell-gedanklichem Product Backlog für mobiles und kontaktloses Bezahlen aufgetaucht ist. Aber es ist gerade in der jetzigen Zeit natürlich mehr als wichtig. Momentan gibt es viele Veröffentlichungen, die erklären, dass die aktuelle Krise ein rasant laufender Motor für das berührungslose Bezahlen ist.

Deutschland – das Land der Barzahler befindet sich im Wandel. Doch es gibt auch Verlierer. Da gibt es den Verkäufer der Obdachlosenzeitung vor dem Supermarkt – für 2,20 € verkauft er in Hamburg seine Hinz und Kunzt. Meistens bekommt er noch ein wenig Trinkgeld dazu. Oder der Straßenmusiker, der seinen Hut hingestellt hat, damit die Leute ein wenig Kleingeld einwerfen können. In Fernost wurde dieses Problem elegant mit dem zwischenzeitig schon totgeglaubten QR-Code gelöst. Dort sind selbst Bettler kontaktlos unterwegs und tragen einen QR Code um den Hals, um nicht vom elektronischen Zahlungsgeschehen ausgeschlossen zu sein.

Betrachten wir den aktuellen Stand hinsichtlich mobilem Bezahlen mit dem Smartphone alleine, dann sind es die Vorteile gegenüber der klassischen Kartenzahlung, die ausschlaggebend sind: Ich brauche die Karte nicht mehr dabei zu haben, muss mir keine PIN merken und habe den hygienischen Vorteil. Darüber hinaus kann ich auch Kleinstbeträge zahlen, ohne gleich schief angeschaut zu werden.

Und dennoch stellt sich die Frage – was ist das nächste große Ding? Was bringt kontaktloses Bezahlen so richtig nach vorn?
Meiner Meinung nach ist nun die Zeit für Mehrwertdienste gekommen. Am besten nicht als geschlossenes Ökosystem eines Händlers, sondern offen. Bluecode ist in Österreich schon sehr erfolgreich als Pan-Europäisches Scheme unterwegs und auch in Deutschland nimmt das Interesse an bluecode als echte Alternative zu Google und Apple Pay, aber auch zu Mastercard und VISA zu. Open Loop mit der Option für zahlreiche Mehrwertleistungen.

Was muss ein Einzelhändler tun, damit der Kunde seine eigene App zum Bezahlen nutzt?
Er muss für den Nutzer einen echten Mehrwert anbieten, damit er sein Smartphone entsperrt und die spezifische App startet. Loyalty mit Payment zu koppeln ist ein erster wichtiger Schritt. Meine Frau und ich haben beispielsweise eine Kundenkarte bei einem Hamburger Drogisten. Wenn wir besonders fleißig eingekauft haben, bekommen wir manchmal einen 5,15 € Gutschein mit der Post. Seit dort und überall jedoch Apple Pay akzeptiert wird, habe ich keine Geldbörse beim Einkaufen mehr dabei – also auch nicht mehr die Plastikkarte des Drogisten. Vor Monaten habe ich sie mal in eine digitale App-Wallet für Kundenkarten eingespielt – doch die App findet sich nicht schnell genug auf meinem Handy-Homescreen. Und dann erwische ich mich sogar dabei, dass ich die Frage, ob ich eine Kundenkarte habe, mit „nein“ beantworte. Das zeigt, dass Geschäfte, die Mobile Payment am POS anbieten und parallel ein Bonusprogram betreiben, sogar einen negativen Effekt erzielen können.

Wie lautet also die Empfehlung? Wie sehen gute Lösungen für den Handel und die Kundschaft in Zukunft aus? Was ist ein echter Mehrwert für Kunden?
Die schlechte Nachricht ist hierbei in meinen Augen die gute Nachricht: Es gibt kein Patentrezept und die Lösungsansätze sind hochindividuell für jeden Händler. Digitaler Kassenbon, Warenkorbanalyse mit Einkaufsempfehlungen, spezielle auf den Kunden zugeschnittene Angebote, Geo-Marketing, und, und, und. Die Ideenliste ist lang. In der deutschen Marktlandschaft gibt es Stand heute: leider wenig.

Packen wir es an!

Über den Autor:
André Trimpop ist seit über 15 Jahren Experte im Bereich Payment und kennt sich mit den Herausforderungen des Marktes hinsichtlich digitaler Transformation bestens aus. Als Product Owner bei Ingenico Marketing Solutions berät er große Unternehmen, wie diese innovativ und konsumentenorientiert auf die sich stets ändernden Bedürfnisse ihrer Zielgruppen in den Bereichen Loyalty und Payment hinwirken können. Sie erreichen ihn per E-Mail unter: andre.trimpop@ingenico.com

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